In den letzten fünf bis zehn Jahren hat sich die Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin (KIRN) unter der Leitung von Prof. Dr. med. Stefan O. Schönberg und Prof. Dr. med. Dominik Nörenberg (Leitender Oberarzt seit 2023) zu einem Vorreiter zukunftsgerichteter Personalentwicklung und akademischer Exzellenz entwickelt. Die Einführung eines zentrumsbasierten Ansatzes, die Etablierung multiprofessioneller Teams, die Etablierung individueller Perspektiven sowie eine mutige Forschungsstrategie mit u. a. drei neuen Stiftungsprofessuren, die derzeit zur Sicherung des klinisch-wissenschaftlichen Kompetenzprofils angestrebt werden, schreiben eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Zusätzlich zum großen Angebot an internationalen Kongressen und weiteren internen und externen Fortbildungsveranstaltungen bietet die Akademie der UMM vielfältige Möglichkeiten zur Personalentwicklung an. Mitarbeiter der Radiologie werden derzeit gezielt und interessensgerichtet weitergebildet und im berufsbegleitenden Studium unterstützt. Im Interview spricht Prof. Nörenberg, Leiter der Personalentwicklung unserer Klinik, über die Meilensteine der vergangenen Jahre, die Wichtigkeit der Teamkultur und die Vision für die Zukunft – unter dem Motto: „Mehr als Bildgebung – wie aus Zentren Karrieren werden“.
Herr Prof. Nörenberg, wenn Sie auf die vergangenen fünf Jahre zurückblicken – was waren aus Ihrer Sicht die prägendsten Meilensteine in der Personalentwicklung Ihrer Klinik?
N: Die größten Erfolge liegen für mich in der konsequenten Etablierung einer strategischen Personalentwicklung, die nicht mehr nur Begleitung, sondern aktive Gestalterin unseres klinischen und wissenschaftlichen Fortschritts ist. Durch die Einführung unseres zentrumsbasierten Ansatzes, regelmäßiger Mitarbeitergespräche sowie der Fokussierung individueller Karrieren und Konzepte, konnten wir Entwicklungsräume für unsere Mitarbeiter im ärztlichen und nicht ärztlichen Dienst schaffen, Verantwortung fördern und Talente gezielt aufbauen – unabhängig vom Berufsbild. Die Karrieren, die wir in den vergangenen Jahren begleiten durften, sind ein Beleg für die gelebte Exzellenz unserer Strategie.
Was zeichnet den zentrumsbasierten Ansatz konkret aus?
N: Unsere Zentren sind keine statischen Strukturen, sondern lebendige Innovationsräume. Ob die interdisziplinäre Notaufnahme mit dem Schwerpunkt der CT-Notfalldiagnostik inkl. 24/7-Betrieb, das Zentrum für kardiovaskuläre Bildgebung (ZKVB) mit modernster CT- und MRT-Technik, das Ambulante Radiologische Zentrum (ARZ), das Zentrum für Kinderradiologie und pädiatrische Notfalldiagnostik (ZKPN) mit hoch interdisziplinärer Ausrichtung oder die minimalinvasive Therapie (MIT) mit unserer M2OLIE-Klinik und einer Anbindung an das interdisziplinäre Gefäßzentrum (IGZ) im interventionellen Sektor – jedes Zentrum bietet individuelle Entwicklungspfade, maßgeschneidert auf das Profil der Mitarbeitenden. Durch flache Hierarchien und offene Kommunikation entstehen persönliche Identifikation, eine Arbeitsplatzbindung und Innovationsfreude, die zukunftsfähig ist..
Die Grafik zur detaillierten Klinikstruktur zeigt eine hohe Komplexität – wie überführen Sie diese Vielfalt in eine kohärente Personalstrategie?
N: Indem wir die Struktur nicht als Hürde, sondern als Chance verstehen. Die Grafik ist gewissermaßen unsere Landkarte für individuelle Entwicklung. Die Zentren werden nicht nur ärztlich geführt, sondern bieten auch Perspektiven für Teamleitungen im nicht ärztlichen Dienst (MTRs, MFAs, PAs etc.), sodass sich unsere Mitarbeitenden einem Zentrum zugehörig fühlen. Remote-MTR-Modelle, das Zusammenspiel von Forschung (M²OLIE-Klinik), Notfallversorgung und Therapie (im 24/7-Notfallzentrum und in der interventionellen Radiologie) und Lehre sowie die Implementierung von Stiftungsprofessuren zur Sicherung unseres klinisch-wissenschaftlichen Kompetenzprofils helfen uns, jedem Talent einen passenden Weg aufzuzeigen – unabhängig von Hierarchie oder Berufsbild. Gleichzeitig fördern wir Führungsprogramme im ärztlichen und nicht ärztlichen Dienst sowie die Akademisierung aller Gesundheitsberufe in Zusammenarbeit mit der UMM-Akademie, sodass wir bspw. im MTR-Bereich bereits zwei Mitarbeitende für Bachelor- oder Masterstudienprogramme gewinnen konnten.
Welche Rolle spielen multiprofessionelle Teams in dieser Entwicklung?
N: Sie sind das Rückgrat unserer täglichen Arbeit. Besonders in der Kinderradiologie, der Nuklearmedizin und der Intervention setzen wir auf die enge Zusammenarbeit von u. a. MTRs, MFAs, OTAs, PAs und Radiochemikern – nicht nur organisatorisch, sondern auch im Rahmen gemeinsamer Fortbildungen (monatlich als gesamtes KIRN-Meeting in Präsenz sowie mithilfe von digitalen Fortbildungsangeboten der DRG und Onlineangeboten), mit Skill-Trainings und Karrierekonzepten (wie dem jährlichen Karrieretag für Auszubildende MTRs unter dem Motto „Wir sind Perspektive“ in enger Zusammenarbeit mit der UMM-Akademie). Multiprofessionelle Teams erhöhen nicht nur die Qualität, sondern auch die emotionale Bindung an die Klinik – weil man spürt: Hier zählt jede Rolle.
Können Sie konkrete Beispiele für die individuelle Perspektivenentwicklung nennen?
N: Sehr gute Beispiele hierfür sind die Notfalldiagnostik und der Auf- und Ausbau unserer interdisziplinären Notfallzentren sowohl im Erwachsenenbereich (MINA, Mannheimer Interdisziplinäre Notaufnahme) als auch in der Kinderradiologie (Kindernotfallzentrum (NOKI)), wo radiologisch zentral mithilfe der Diagnostik schnelle Entscheidungen für die weitere Behandlungsplanung getroffen werden. Diese beiden Zentren bieten individuelle, langfristige Perspektiven im Auf- und Ausbau, wo wir bereits vor der Facharztprüfung junge Talente im ärztlichen Dienst für die langfristige Planung identifiziert haben. Weitere Beispiele sind das Zentrum für kardiovaskuläre Bildgebung und die Brustklinik, wo junge Kolleginnen und Kollegen über gezielte Projektintegrationen (z. B. die Förderung von Digitalprojekten u. a. in der Präventionsforschung und kardiovaskulären Bildgebung) ihre wissenschaftliche Karriere und klinische Exzellenz verstetigen konnten. Durch die Anbindung an Stiftungsprofessuren (u. a. in der kardiovaskulären und onkologischen Bildgebung) sowie den Austausch mit nationalen und internationalen Partnern (wie dem Massachusetts General Hospital in Boston) für KI-gestützte Bildanalysen und Entscheidungsunterstützung in Diagnostik und Therapie haben wir hier echte Karriere-Sprungbretter geschaffen, die über Auslandsaufenthalte von Nachwuchstalenten unser Netzwerk erweitern und Erfahrungen zurück in das Team bringen sollen.
Welche Rolle spielt beispielsweise das Gutachtenzentrum in dieser Struktur?
N: Das Gutachtenzentrum ist ein Leuchtturmprojekt und ein Beispiel für eine Karriereentwicklung, die nicht immer zu 100 % klinisch-radiologisch sein muss. Es bietet nicht nur medizinisch-forensisches Know-how durch Herrn Dr. von Münchhausen als Facharzt für Radiologie und Funktionsoberarzt unserer Klinik, sondern auch wirtschaftliche und juristische Kompetenzen aufgrund seiner Erfahrung als Diplom-Jurist – ein attraktives Feld, um außerhalb der klassischen Kliniklaufbahn Akzente zu setzen und Perspektiven zu schaffen, die unserer Klinik zugutekommen. Zugleich zeigt es, dass die Radiologie ein breites Spektrum an Karrieren ermöglicht.
In den vergangenen Jahren wurde die Forschung stark ausgebaut. Welche Weichenstellungen waren entscheidend?
N: Wir haben forschungsfreundliche Strukturen geschaffen – durch gezielte Drittmittelunterstützung und die Berufung herausragender Persönlichkeiten auf Stiftungsprofessuren. Besonders hervorheben möchte ich die derzeit angestrebte W3-Hector-Professur für onkologische Bildgebung im Bereich Radiomics sowie die Stiftungsprofessuren für Kinderradiologie und die hämodynamische Modellierung bei Atherosklerose (kardiovaskuläre Bildgebung). Solche Ansätze, verbunden mit einer Reihe an hoch innovativen Drittmittelprojekten der letzten fünf Jahre (z. B. PC3-Konsortium mit Innovationsaufwuchs im CT durch eine moderne Photon-Counting-CT-Technologie), bilden das wissenschaftliche Fundament für unsere Nachwuchsförderung und internationale Sichtbarkeit.
Wie gelingt es Ihnen, junge Talente für die Forschung zu begeistern?
Wir setzen auf Early Integration – die frühe Einbindung in Projekte, aktive Mitgestaltung von Drittmittelanträgen und individuelle Begleitung durch erfahrene Kolleginnen und Kollegen. Forschung ist in Schwerpunktzentren kein Add-On, sondern ein integraler Bestandteil der Perspektivenentwicklung, um strukturbildend Zentren und Innovationen (wie z. B. die Mobile Schlaganfalleinheit im Bereich der prähospitalen Versorgung und Point-of-Care-Diagnostik) translational in die klinische Versorgung zu bringen. Wer sich wissenschaftlich entwickeln möchte, findet bei uns die nötige Infrastruktur und echte Gestaltungsfreiheit.
Welche Rolle spielt Interdisziplinarität in Ihrer Strategie?
Eine absolut zentrale. Unsere Zentren sind bewusst interdisziplinär aufgestellt. Kardiologische Fragestellungen, onkologische Bildgebung, pädiatrische Notfalldiagnostik, das interdisziplinäre Gefäßzentrum, die Brustklinik sowie die enge Verzahnung von klinischer Routine und Forschung (z. B. in der interventionellen M2OLIE-Klinik, im ZKVB durch Radiomics-Ansätze in der kardiovaskulären Bildgebung sowie im MRT-Zentrum durch die quantitative Bildgebung) – all das funktioniert nur im Schulterschluss mit anderen Fachdisziplinen. Wir sehen Radiologie als verbindendes Element zwischen klinischer Realität, Forschung und Technologie – und genau dort entsteht Fortschritt!
Steht die Expertise auch Kolleginnen und Kollegen außerhalb der UMM zur Ausbildung zur Verfügung?
Wir bieten unsere strukturierten Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten auch externen Kolleginnen und Kollegen und interessierten Studierenden an. Beispielsweise ist eine Qualifizierung in kardiovaskulärer Bildgebung für Fachärzte und fortgeschrittene Weiterbildungsassistenten im ZKVB möglich sowie Fachkraftkurse in der kardiovaskulären Bildgebung für unsere MTRs, welche von der Deutschen Röntgengesellschaft zertifiziert sind. Weiterhin bestehen Kooperationen mit anderen Kliniken und Praxen zum gegenseitigen Wissens- und Erfahrungsaustausch sowie das Angebot für spezialisierte Fellowships (u. a. in der CT- und MRT-basierten Herzbildgebung über das ZKVB). Für interessierte Studierende bieten wir erste Einblicke im Rahmen von Famulaturen oder PJ-Tertialen an. Tiefergehende Fertigkeiten und Einsichten in den klinischen Alltag können als studentische Hilfskraft gewonnen werden. Die Teilnahme an wissenschaftlichen Projekten und die Durchführung von Promotionsarbeiten in den Zentren der Radiologie werden von erfahrenen Radiologen der jeweiligen Arbeitsgruppen begleitet.
Was ist Ihre Vision für die Zukunft Ihrer Klinik im Hinblick auf die Personalentwicklung und die Teamkultur?
Wir wollen zu einem europäischen Exzellenzzentrum für Radiologie werden, welches nicht nur technische, innovative und digitale, sondern auch menschliche Maßstäbe setzt. Personalentwicklung wird datenbasiert, individualisiert, zentrumsbasiert und auf Augenhöhe gedacht. Dabei bleibt unser Teamgeist unverzichtbar – von der täglichen Zusammenarbeit, gegenseitigen Unterstützung, Begeisterung für Innovationen bis hin zu jährlichen Retreats und Kongressmitwirkungen, um Strategie, Teambuilding und Inspiration zu vereinen.
Was macht Ihre Klinik aus Ihrer Sicht kulturell besonders?
Die Mischung aus diversen Kulturen, unterschiedlichsten fachlichen und privaten Hintergründen, Professionalität, gegenseitigem Respekt und echter Freude an der Zusammenarbeit und die Begeisterung für unser Fach. Die flachen Hierarchien, die hohe Eigenverantwortung, die Durchlässigkeit zwischen den Berufsgruppen – das schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist die Basis für Exzellenz und Freude im gegenseitigen Umgang.






