Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen – eine frühzeitige, präzise Diagnostik sowie eine individuell abgestimmte Therapie sind entscheidend für die Prognose. Auch Männer können betroffen sein, 700 bis 800 Männer in Deutschland erkranken jährlich an Brustkrebs, das entspricht ca. 1 % aller Fälle. Spezialisierte Brustzentren leisten einen wesentlichen Beitrag zur optimalen Versorgung betroffener PatientInnen und zur Vorsorge bei HochrisikopatientInnen. Voraussetzung hierfür ist die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit – insbesondere zwischen der Radiologie und der Gynäkologie. An universitären Zentren ist die Forschung ein wichtiger Bestandteil der Arbeit in einem Brustzentrum. Es finden eigene und kooperative Studien zur Optimierung von Diagnostik und Therapie statt, zusätzlich ermöglichen Zulassungsstudien früher den Zugang zu den neuesten Medikamenten. Dies ist insbesondere für PatientInnen mit schlechtem Ansprechen auf Standardtherapien eine wichtige Option. Die enge Zusammenarbeit mit Strahlentherapeuten, Onkologen und Pathologen unter anderem im Rahmen von Tumorboards ermöglicht eine umfassende und individuell angepasste Versorgung.
Frau Prof. Dr. med. Julia Riffel leitet die Sektion Multimodale Mammadiagnostik mit dem Schwerpunkt Onkologie an der Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin der UMM. Gemeinsam mit Frau Privatdozentin Dr. Mattea Reinisch als Sektionsleiterin des interdisziplinären Brustzentrums der Frauenklinik der UMM entsteht eine interdisziplinäre Brustklinik, die über die Leistungen eines Brustzentrums hinaus die universitäre Expertise in Diagnostik, Therapie und Forschung einsetzen wird.
Was macht ein gutes interdisziplinäres Brustzentrum aus? Worauf sollten Patienten bei der Wahl achten?
JR/MR: Um eine gute Versorgung von PatientInnen mit Brustkrebs gewährleisten zu können, sind die Verfügbarkeit aller notwendigen diagnostischen und therapeutischen Verfahren sowie der Zugang zu Fachdisziplinen wie der Pathologie und Humangenetik wichtig. Eine ausreichende Fallzahl sorgt für die notwendige Erfahrung mit der Erkrankung. Durch Studien, die an universitären Zentren durchgeführt werden, können wir unseren PatientInnen heute schon die Therapie von morgen anbieten. Einen besonderen Stellenwert haben dabei die Möglichkeit der Teilnahme an Studien und die Durchführung von regelmäßige Audits im Rahmen von Zertifizierungen wie der ISO 9001 und Onkozert der DKG (Deutsche Krebsgesellschaft). Durch den Blick von außen wird zum einen die Einhaltung von qualitätsrelevanten Standards sichergestellt und zum anderen eine Reflektion der hausinternen Prozesse unterstützt. Es konnte inzwischen belegt werden, dass Krebspatienten aus zertifizierten Zentren länger leben. Der Umgang mit Zweitmeinungen und Rückfragen von externen Kliniken und Praxen ist ebenfalls ein Qualitätsmerkmal eines Brustzentrums. Die Behandlung von Krebs ist kein Schnupfen und äußert komplex, daher ist die Wahl des richtigen Zentrums wichtig für die Prognose und die Lebensqualität.
Was macht die Brustklinik der Universitätsmedizin Mannheim einzigartig im Vergleich zu anderen Einrichtungen?
JR: Die Basis unserer Brustklinik bildet das zertifizierte Brustzentrum. Ein zentraler Baustein unseres Erfolgs ist dabei die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachbereichen wie Brustchirurgie, Onkologie, Radiologie, Pathologie, Strahlentherapie und Psychoonkologie. Dabei arbeiten die Gynäkologie und Radiologie Schulter an Schulter. Das bedeutet, zur Abklärung und weiterführenden Diagnostik von Brustkrankheiten können sich PatientInnen in beiden Abteilungen vorstellen: der Brustsprechstunde der Frauenklinik sowie der Sprechstunde der radiologischen Mammadiagnostik. Jeder einzelne unserer Experten verfügt über umfangreiche Erfahrung und hohe fachliche Kompetenz. So können wir unnötige Wartezeiten und Fehlplanungen vermeiden und Fragestellungen mit hoher Expertise schnell und interdisziplinär für die PatientInnen klären.
JR: Mit der Gründung der Sektion Senologie und dem Gewinnen von Frau PD Dr. Mattea Reinisch 2024 als Sektionsleiterin der Senologie haben wir mit einer erfolgreichen Umstrukturierung begonnen und unsere Prozesse weiter verbessert. Dies wird sowohl von unseren PatientInnen als auch den Zuweisern sehr gut angenommen. Dabei können wir durch unsere wachsende Anzahl an Sprechstunden und Operationen schnell und flexibel auf die Bedürfnisse unserer Patient/Innen eingehen.
Als Brustklinik gehen wir jedoch weit darüber hinaus. An der UMM verfügen wir über einen kompletten Versorgungsstrang für die PatientenInnen, was sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal darstellt. So bieten wir als erste Uniklinik in Deutschland im Mannheimer MRT Zentrum für Brustkrebsvorsorge (MMZ) unter der Leitung von Prof. Clemens Kaiser die MRT der Brust als Screeningmethode zur Früherkennung von Brustkrebs für privat und kassenärztlich versicherte Frauen an. Die Abklärung und weiterführende Diagnostik von Brustkrankheiten erfolgt über die Senologie und Senoradiologie. Im Falle einer Krebserkrankung wird die medikamentöse und operative Therapie von der Sektion konservative Gynäkologie mit Herrn Prof. Frederik Marmé sowie der Sektion Senologie mit Frau PD Dr. Mattea Reinisch in Kooperation mit der plastischen Chirurgie angeboten. Beide sind renommierte und international anerkannte Experten in diesem Bereich. Allen bei uns behandelten Krebspatienten geben wir zudem die Möglichkeit der radiologischen Nachsorge im Haus über die multimodale Mammadiagnostik unter meiner Leitung. So verfügt unsere Brustklinik über eine herausragende Qualität in der Versorgung und Behandlung von Brustkrankheiten und Betreuung unserer PatientInnen mit höchstem Engagement auch im Anschluss an die Behandlung.
Neben der Versorgung von Brusterkrankungen konzentrieren wir uns auch auf die Früherkennung von Brustkrebs bei PatientInnen mit genetisch erhöhtem Risiko. So können wir Frauen mit gesicherten Mutationen oder erhöhtem Lebenszeitrisiko in unserem Programm maßgeschneiderte Untersuchungen mittels Ultraschall, Mammographie und Mamma-MRT anbieten und im Falle eines Befundes die weitere Abklärung zügig und professionell einleiten. Diese enge Zusammenarbeit ermöglicht es uns, bestmöglichste Behandlungsergebnisse zu erzielen.
Welche Rolle spielt die Forschung in Ihrem Zentrum?
JR: Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal unserer Brustklinik stellt die Forschung dar. Wir verfügen über ein sehr gut ausgebautes Netz an Forschungs- und wissenschaftlichen Kooperationspartnern. Hierbei profitieren unsere PatientenInnen von den neuesten Entwicklungen in Diagnostik und Therapie z.B. unter Anwendung der Radiopharmazie und molekularen Bildgebung im Rahmen des Stagings bei Brustkrebs. Die Implementierung neuester Techniken wie künstlicher Intelligenz beispielsweise für die Interpretation von Mammographien oder die Möglichkeit beschleunigter MRT Untersuchungen sorgt ebenso für eine hochmoderne und exzellente Versorgung unserer PatientInnen.
MR: Forschung ist zentraler Bestandteil unserer Arbeit. An der Brustklinik werden regelmäßig klinische Studien durchgeführt. Gerade durch die Teilnahme an vielen Phase 2 und Phase 3 Studien können wir die Systemtherapien verbessern und unseren PatientInnen im Durschnitt drei bis vier Jahre vor offizieller Anpassung der Therapieempfehlungen Zugang zu neuen Medikamenten ermöglichen. Kurz gesagt: Was wir heute im Rahmen von Studien unseren PatientInnen zugänglich machen, führt morgen zu einer Veränderung des Therapiestandards. Durch nationale und internationale Ausbildung bleiben unsere Teams stets auf dem neusten Stand der medizinischen Forschung und Innovation. Diese Expertise spiegelt sich in der hohen Sichtbarkeit unserer Brustklinik wieder, die auch durch wissenschaftliche Veröffentlichungen, Fortbildungen und internationale Kooperationen geprägt ist. Durch aktive Beteiligung in Studiengremien wie der GBG (German Breast Group) und AGO (Arbeitsgemeinschaft gynäkologische Onkologie) gestalten wir jährlich die neuen Therapieempfehlungen und Leitlinien in unserem Land mit.
Ein besonderes Projekt führen wir im Bereich Cancer-Survivorship durch. Das Leben mit und nach Krebs ist ein Thema, das noch zu wenig Beachtung findet.
Welche Fortschritte haben Sie in den letzten Jahren in der Behandlung von Brustkrebs erzielt?
MR: In den letzten Jahren haben wir bedeutende Fortschritte in der personalisierten Medizin gemacht. Durch genetische Tests können wir besser verstehen, welche Therapie für welche Patientin am effektivsten ist. Die Systemtherapie wird präziser und patientenzentrierter. Heute deeskalieren und eskalieren wir die Systemtherapie deutlich genauer und zentrierter auf den Subtyp des zu behandelnden Mammakarzinoms. Bei Patientengruppen, wo wir vor einigen Jahren noch eine Chemotherapie gegeben haben, können wir heute dank besserer Differenzierung in „hoch versus niedriges Risiko“ die Therapie erweitern oder reduzieren, ohne dass wir ein Risiko der Untertherapie haben.
Ein weiterer Trend ist die Deeskalation der Operationen. So kann in manchen Fällen z.B. auf eine Entnahme des Wächterlymphknotens verzichtet werden (analog der Insema Studie). Die Markierungstechniken des Wächterlymphknotens sind erweitert worden: bei Benutzung eines grünen Farbstoffs (ICG) oder von Magnetpartikeln kann die strahlenbelastende Technetiummarkierung des Wächterlymphknotens vermieden werden. Auch die Brust-Bestrahlung wird genauer, eine Teilbrustbestrahlung statt einer Ganzbrustbestrahlung kann für eine Gruppe an Patient/Innen routinemäßig empfohlen werden.
Mit welchen Herausforderungen werden Patienten und Ärzte heute und in der Zukunft bei der Behandlung von Brustkrebs konfrontiert?
MR: Durch die knappen personellen und infrastrukturellen Ressourcen kommt es zu teils langen Wartezeiten und Unterversorgung in ländlicheren Gegenden. Durch Spezialisierung und Konzentration auf Kernaufgaben sowie Bündelung aller erforderlichen Maßnahmen an einem Standort können wir Ressourcen schonen und unseren Patient/Innen die Warte- und Wegzeiten für Diagnostik und Therapie bei einer rasch progredienten Entität wie Brustkrebs verkürzen. Aufgrund der hohen Anzahl Betroffener und der häufig hohen Aggressivität der Erkrankung werden in kurzen Abständen zahlreiche neue Therapien entwickelt. Um die optimale Therapie zum richtigen Zeitpunkt auswählen zu können, ist eine andauernde Fort- und Weiterbildung sowie die Diskussion mit weiteren Spezialisten in Tumorboards erforderlich. Die steigende Anzahl an Patient/Innen stellt die Zentren vor eine große Herausforderung. Hier ist Mut und Unterstützung von Klinikleitungen zum Aufbau von spezialisierten Abteilungen notwendig, um weiterhin eine adäquate Versorgung unserer Patient/Innen an einer Universitätsklinik zu ermöglichen.
Wir sehen die Zukunftspläne der Brustklinik aus?
MR/JR: Wir haben große Pläne für die Zukunft. Wir möchten unsere Forschungsaktivitäten weiter ausbauen und noch mehr innovative Therapien entwickeln. Bei immer weiter steigenden Untersuchungs- und Fallzahlen wird das Team an spezialisierten Fachkräften stetig wachsen und eine personalisierte und effektive Behandlung der PatientInnen sicherstellen. Wir legen großen Wert auf maßgeschneiderte Versorgungskonzepte, die individuell auf die jeweiligen PatientInnen abgestimmt sind und von der Diagnose über die Therapie bis zur Nachsorge an einem Standort stattfinden.
Wir haben hier am Standort Mannheim zudem die besondere Situation, dass sich hochspezialisierte Fachrichtungen für die Behandlung von Brustkrebs unter einem Dach befinden und starke Kooperationen mit Einrichtungen wie dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg oder dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim (ZI) bestehen. Dabei profitieren wir in der Zusammenarbeit mit Herrn Prof. Wängler und Frau PD Dr. Grawe von den Weiterentwicklungen in der Nuklearmedizin und der molekularen Bildgebung sowie den Fortschritten in der bildgebenden Diagnostik wie Brusttomosynthese oder Mamma-MRT.






